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"Wir können seine Identität nicht feststellen!"

Aktualisiert: 21. Mai 2025

Wenn Prozesslogik auf Alltagsrassismus trifft



In den letzten beiden Folgen habe ich von Warteschlangen, Farbwartezonen und Gesprächsabbrüchen berichtet. Aber all das war nur die Vorstufe zu einem Erlebnis, das mich bis heute beschäftigt – nicht nur wegen seiner bürokratischen Absurdität, sondern auch wegen des stillen, tiefsitzenden Misstrauens, das dabei spürbar wurde.


Ein einfacher Antrag – eigentlich

Wir betreten das Kreisverwaltungsreferat. Mein Sohn braucht einen neuen Personalausweis und einen Reisepass. Nach dem Unfall ist alles weg. Es müsste ein Standardfall sein – Abgabe Verlustmeldung, Neubeantragung, fertig.

Ich erkläre der Mitarbeiterin am Empfang ruhig die Situation. Sie hört zu, sagt nichts, steht wortlos auf und verschwindet.

Nach etwa zehn Minuten kehrt sie zurück – mit ihrer Vorgesetzten im Schlepptau.


Die Identitätsfrage

Die Vorgesetzte trägt ein Kopftuch. In mir keimt, fast automatisch, ein Moment der Hoffnung: Vielleicht – weil auch sie nicht dem klassischen deutschen Behördenklischee entspricht – erkennt sie unsere Situation schneller. Vielleicht hat sie selbst Erfahrungen mit Vorurteilen gemacht. Vielleicht ist da Verständnis. Ein Trugschluss.

Stattdessen sagt sie in kühlem Ton:

„Wir können die Identität Ihres Sohnes nicht feststellen.“

Ich erkläre ruhig: „Ich bin seine Mutter. Ich kann das bestätigen.“ Sie schaut mich an. Dann Noah. Dann wieder mich. Der Blick ist lang. Zu lang. Ich weiß, was in diesem Moment passiert. Es ist nicht die Frage nach der Identität. Es ist die Frage: „Wie kann das sein?“

Ich bin weiß. Mein Sohn ist schwarz. Und offenbar ist das für manche Menschen noch immer schwer zu akzeptieren – auch für jene, die es selbst besser wissen müssten.


Die Prozessmauer

Die Beamtin bleibt hart:

„Wir müssen zuerst das Einwohnermeldeamt in Dortmund anschreiben.“

Ich erkläre, dass wir dringend Unterlagen brauchen – zur Beantragung anderer Leistungen. Ich frage, ob es eine Möglichkeit gibt, die Bearbeitung zu beschleunigen. Ob ich, als Mutter, nicht für ihn bürgen könne.

Sie bleibt stur. Und dann geschieht das, was in deutschen Ämtern offenbar eine standardisierte Eskalationsstufe ist:

„Sie sind sehr unfreundlich. Ich könnte das Gespräch auch beenden.“

Ich bin nicht laut. Nicht ausfallend. Ich stelle einfach nur Fragen. Aber in Formularland ist schon das eine Grenzüberschreitung.


Wegsehen statt Zuhören

Ich versuche einen letzten Versuch: „Mein Sohn hat eine kognitive Einschränkung. Man sieht sie nicht – aber sie ist da. Und deshalb begleite ich ihn.“

Ein kurzer Moment der Stille. Vielleicht trifft es sie. Vielleicht auch nicht. Dann wieder:

„Trotzdem müssen wir uns an unsere Prozesse halten.“

Ein Lichtschein – aber ohne Entschuldigung

Zwei Tage später klingelt das Telefon. Die Mitarbeiterin vom KVR meldet sich:

„Wir konnten das jetzt klären. Sie können vorbeikommen.“

Keine Entschuldigung. Kein Hinweis, was sich geändert hat. Nur die nüchterne Weiterleitung zum nächsten Schritt. Vielleicht war der Vorgang intern längst überprüft worden. Vielleicht hat jemand gezögert, sich einzugestehen, dass hier einfach ein Fehler gemacht wurde – oder ein Vorurteil am Werk war.


Zweiter Versuch: Dienst nach Vorschrift

Bei unserem nächsten Besuch klappt die Antragstellung. Mein Sohn wird erneut belehrt – er habe zuvor falsche Angaben gemacht. Ich bitte um ein Vier-Augen-Gespräch. Ich erkläre noch einmal, wer er ist, wie er lebt, und warum das alles für ihn besonders schwer ist.

Die Mitarbeiterin wirkt für einen Moment betroffen. Aber dann wieder:

„Trotzdem müssen wir uns an die Prozesse halten.“

Fazit: Die Grenze verläuft nicht zwischen Religionen – sondern zwischen Haltung und Haltung


Was mich an diesem Tag besonders getroffen hat: Dass selbst Menschen, die wahrscheinlich eigene Erfahrungen mit Vorurteilen gemacht haben, diese an anderer Stelle weitergeben. Dass eine Frau mit Kopftuch in der deutschen Verwaltung mit derselben Härte und demselben reflexhaften Misstrauen handelt wie ihre Kolleg:innen ohne Kopftuch.

Dass es eben nicht darauf ankommt, wo jemand herkommt, sondern wie jemand mit Macht umgeht.

Und dass es in Formularland offenbar vor allem um eines geht: Sich selbst gegen die Menschen zu schützen, für die man eigentlich da sein sollte.


In Folge 4: Wir besuchen die Caritas, treffen endlich auf engagierte Menschen – und stoßen trotzdem wieder an Systemgrenzen. Denn gute Beratung reicht nicht, wenn der Apparat dahinter blockiert

 
 
 

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