Holzvertäfelung, Hoffnung und ein Hauch von Lösung
- Sybille Petersohn
- 21. Mai 2025
- 3 Min. Lesezeit
Oder: Wo das System endet und Menschlichkeit beginnt

Nach all den Formblättern, Farbwartezonen und Gesprächsabbrüchen kommt plötzlich etwas völlig Unerwartetes ins Spiel: Ein Ort, an dem jemand zuhört.
Nicht digital. Nicht automatisiert. Nicht unterkühlt. Ein Ort, der riecht wie ein Jahrzehnt – und trotzdem wärmer ist als alles, was wir bisher erlebt haben.
Teil 1: Der psychosoziale Dienst
Es ist ein unscheinbares Haus, gleich neben dem Pfarramt. Ein bisschen wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Holzvertäfelte Flure, gelbe Fensterglas-Dekore, ein Teppich, der schon viele Geschichten gesehen hat.Kein Mensch zu sehen. Nur dieser Geruch nach Akten, Filterkaffee und Linoleum. Willkommen im psychosozialen Dienst.
Eine freundliche Frau begrüßt uns in einem schlichten Büro, das genau so aussieht, wie man es nach dem Flur erwartet. Es ist nichts Digitales in Sicht. Kein Headset, kein Monitorwald. Nur ein Tisch, zwei Stühle und viele Aktenordner und Broschüren.
Sie hört zu. Wirklich. Ohne zu unterbrechen, ohne zu bewerten. Sie ist betroffen, ehrlich betroffen. Und beginnt sofort zu helfen:
Sie sucht Adressen raus.
Notiert Telefonnummern.
Empfiehlt uns Anlaufstellen. Aber sie sagt auch:
„Ich selbst kann da leider nichts machen.“
Doch sie verweist uns weiter – an eine andere Stelle der Caritas, die sich auf Menschen mit Behinderungen spezialisiert hat. Das ist das erste Mal seit Wochen, dass jemand nicht nur ablehnt, sondern weiterdenkt.
Teil 2: Die Caritas für Menschen mit Behinderungen
Ein paar Tage später sitzen wir in einem anderen Büro. Schlicht, aber einladender. Die Frau, die uns empfängt, ist voller Energie. Man spürt sofort: Sie macht das nicht einfach – sie will helfen.
Sie spricht direkt mit meinem Sohn. Fragt ihn, was er sich vorstellen kann. Schlägt vor, was möglich wäre. Und dann greift sie zu Stift und Formular:
Antrag auf Schwerbehindertenausweis
Antrag auf Sozialwohnung
Sogar die Anschreiben schreibt sie mit meinem Sohn zusammen vor
Und dann sagt sie einen Satz, der alles verändert:
„Wie wäre es mit einem Freiwilligen Sozialen Jahr?“
Ein alter Impuls wird lebendig
Noah überlegt kurz. Dann erinnert er sich – an das Praktikum vor ein paar Jahren, in einer Schule für körperlich behinderte Kinder. Er erzählt, wie gern er dort war. Wie die Kinder ihn mochten. Wie er jeden Tag positives Feedback bekommen hat. Wie wichtig das für ihn war – in einer Welt, in der er oft spürt, dass er nicht so wahrgenommen wird, wie er ist.
Und während ich ihm zuhöre, denke ich: Vielleicht war das einer der wenigen Orte, an dem einfach der Mensch zählte.
Nicht der Hintergrund. Nicht das Äußere. Sondern wie jemand mit den Kindern umgeht, ob man ehrlich lacht, sich einsetzt, zuhört, da ist. Das, was zählt – wenn man es zulässt.
Mein Sohn nickt schließlich. Er findet die Idee mit dem FSJ in einer Einrichtung für Kinder richtig gut. Und seine Augen beginnen zu glänzen.
Zwei Stunden echte Unterstützung
Die Frau bei der Caritas ist ganz bei der Sache. Sie lacht mit uns, denkt mit uns, sucht eine Liste mit FSJ-Stellen raus und druckt sie sogar aus. Zwei Stunden lang haben wir das Gefühl, nicht nur im System zu existieren – sondern als Mensch wahrgenommen zu werden.
Keine Nummer. Kein Vermerk. Keine Abwehr.
Und doch: eine systemische Grenze
Trotz all der Wärme, des Engagements und der konkreten Hilfe bleibt am Ende ein harter Satz stehen:
„Aber ohne die Arbeitsagentur kommen wir leider nicht weiter.“
Denn die Fördermaßnahmen, das FSJ, mögliche Hilfen – all das hängt an der Zustimmung der Bundesagentur für Arbeit. Wieder einmal die Erkenntnis: Die Schlüsselstelle ist das Amt, das uns seit Wochen blockiert. Und selbst die besten sozialen Einrichtungen stoßen an diese Wand.
Fazit: Hoffnung in Holzvertäfelung
In einem muffigen Raum mit Holzverkleidung haben wir mehr Hoffnung gefunden als in allen klimatisierten Behördenfluren zusammen. Nicht, weil hier die Lösung lag – sondern weil hier jemand zugehört hat.
Aber auch hier wird klar: Wenn das System nicht mitspielt, bleiben selbst die engagiertesten Menschen machtlos. Und genau das ist das eigentlich Traurige: Dass Menschlichkeit nie das letzte Wort haben darf.
In Folge 5:Wir machen einen Termin bei der Neurologin, um ein Attest für Noah zu bekommen. Die Hausärztin hilft – und zum ersten Mal erleben wir, wie es auch gehen kann, wenn Menschen einfach gemeinsam handeln.








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